Zahnerkrankungen & Zahnfehlstellungen


Autorin: Cilli







Allgemeines
Ab der 4. Lebenswoche sind beim Kaninchen alle Zähne vorhanden. Sie sind wurzellos und wachsen ein Leben lang, man sagt ca. 1-1.5cm pro Monat. Durch den Kauvorgang reiben die Zähne aneinander und werden ausschließlich durch diesen Zahn-Zahn-Kontakt abgerieben. Daher erfolgt die Abnutzung nicht durch harte Sachen, wie z.B. Brot, was oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Raufasergehalt ist ausschlaggebend, denn je mehr Raufaser ein Futtermittel enthält, desto länger muss gekaut werden und desto mehr Zahn-Zahn-Kontakt erfolgt. Zur Veranschaulichung: 1g Pellet wird 1-2min gekaut, dann ist es auch durch den Speichel aufgeweicht und kann abgeschluckt werden. An 1g Heu dagegen muss ein Kaninchen 5-13min kauen. Die Kaubewegung erfolgt seitlich, im Ruhezustand berühren sich die Zähne nicht.
Ein Kaninchengebiss soll folgendermaßen aussehen: Pro Seite gibt es oben und unten 1 Schneidezahn, oben hinter den Schneidezähnen befindet sich je 1 Stiftzahn. Backenzähne hat das Kaninchen oben auf jeder Seite 6 und unten 5. Insgesamt müssen demnach 28 Zähne in Maulhöhle passen.
Aussehen gesunder Zähne: Die Schneidezähne sollten eine gerade Beißfläche haben, die Backenzähne eine gezackte. Das Verhältnis der Schneidezähne oben : unten sollte 1:1 sein. Die unteren Schneidezähne sollen leicht hinter den Oberen sitzen, so dass sie bei einer theoretischen Verlängerung zwischen den oberen Schneidezähnen und den Stiftzähnen münden. Außerdem sollten sie gleichbreit sein und eine weiße Farbe aufweisen. Oben ist eine Längsrille erlaubt. Die letzten beiden Backenzähne stehen im Unterkiefer leicht nach hinten geneigt, ansonsten sollten alle Zähne parallel stehen und die Kaufläche auf einer Ebene liegen.
Häufige Zahnerkrankungen sind Spitzen und Kanten, überlanges Wachstum und damit verbundene Entzündungen im Maul, Kieferabszesse und Fehlstellungen.


Ursache
Eine der häufigsten Ursachen für eine Zahnerkrankung ist ein unvollständiger, fütterungsbedingter Zahnabrieb, sodass sich Kanten und Spitzen bilden, die in Backe und Zunge einschneiden, Schmerzen verursachen und es dadurch zu einer eingestellten Futteraufnahme kommt. Meist wird in diesem Fall zu weiches, raufaserarmes Futter gegeben, wie Pellets und Brot, was schnell im Maul aufweicht und so für weniger Zahn-Zahn-Kontakt sorgt. Ein Unterpunkt der fütterungsbedingten Zahnerkrankungen ist der Kalziummangel. Spröde abbrechende Zähne und einen damit verbundenen unnatürlichen Zahnabrieb können durch einen Kalziummangel in der Fütterung entstehen. In diesen Fällen wird entweder einseitig phosphorreiches (Banane, Tomate) bzw. kalziumarmes (Salat, Gurke, Apfel, Möhre) Futter gegeben. Dasselbe Problem tritt bei einer Fütterung ohne Heu und stattdessen viel Trockenfutter auf.

Viele Kaninchen haben auch eine genetisch bedingte Zahnfehlstellung. Häufig betroffen sind kleine Rassen wie, Hermelin-, Zwerg-, Zwergwidder- oder Teddykaninchen. Durch ihren extrem runden Kopf und kurzen Kiefer ist im Maul nicht genügend Platz für alle Zähne, sodass sie oft sehr schief stehen und sich dadurch nicht entsprechend abnutzen können. Im Gegensatz dazu gibt es die erworbenen Zahnfehlstellungen, durch ständiges Gitterrütteln, Traumata wie einen Sturz, oder auch durch den Maulspreizer vom Tierarzt, wenn er ohne Narkose verwendet wird. Die Kaninchen beißen unter Angst, Stress und Schmerzen mit voller Kraft darauf. Verschobene Zähne sind da noch das kleiner Übel, es wurden so auch schon Kieferbrüche und eine Ausrenkung des Kiefergelenks erreicht.

Eine weitere Ursache kann das Alter sein. Durch eine Bindegewebsschwäche neigen sich die Backenzähne zur Zunge hin und es bilden sich Spitzen, die in die Zunge einschneiden. Oder auch wenn der Gegenspieler, vor allem bei den Schneidezähnen, abgebrochen ist, muss der entsprechend andere gekürzt werden, bis der abgebrochene Zahn wieder lang genug ist, damit sich beide Schneidezähne wieder gegenseitig abnutzen können. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass sie lang und krumm aus der Maulhöhle wuchern. Da der Schädelknochen und auch der Unterkiefer sehr dünn sind, ist oft auch der Knochen bei Zahnerkrankungen betroffen. Die Wachstumszone der Zähne befindet sich nämlich im Kieferknochen und wenn die Zahnwurzel entzündet ist, betrifft es meist auch den Knochen. Solche Entzündungen entstehen zB. indem Zähne geknipst anstatt geschliffen werden, denn dadurch entstehen Mikrorisse bis in die Wurzeln, über die Bakterien eindringen können.

All diese Erkrankungen und Fehlstellungen verursachen direkt, oder indirekt durch Zahnspitzen, Schmerzen und können so durch einen verminderten Abrieb zu einem Überwachstum der Zähne führen. Daher können auch alle Krankheiten die zu Inappetenz führen, häufig Probleme im Magen-Darmtrakt, oder Schmerzen (insbesondere am Kopf) die Ursache für veränderte Zähne sein.

Symptome
Eines der wichtigsten Symptome ist Durchfall, hier muss unbedingt mittels einer Kotprobe abgeklärt werden, ob eventuell auch Darmparasiten mit im Spiel sind. Häufig beobachtet man auch Pseudoinappetenz, das Kaninchen will also fressen, aber das Futter fällt ihm immer wieder aus dem Maul oder wird nur gelutscht. Hier weiß man, dass eine mechanische Behinderung und/oder Schmerzen beim Kauen der Grund sind und es daher zu einer verminderten Kauaktivität und unzureichend zerkleinerte Nahrung kommt. Die Kaninchen speicheln sich ein, bevorzugen weiches und/oder klein geschnittenes Futter, das sie nicht so viel kauen müssen und nehmen vermehrt Wasser auf. Aber auch richtige Inappetenz, wenn das Kaninchen die Futteraufnahme komplett einstellt, ist nicht selten. Dadurch kommt es zur Gewichtsabnahme, verändertem und auch vermindertem Kot. So kann man auch im Kot selbst z.B. eine unzureichende Zerkleinerung der Nahrung erkennen. Übertriebenes Kauen mit offenem Mund, optisch zu lange Zähne oder falsch wachsende Zähne sind ebenfalls eindeutige Symptome. Sind weitere Organe betroffen, kann man auch Nasen- oder Augenausfluss, sowie ein hervortretendes Auge bei Zahnwurzelerkrankungen oder Abszesse/Asymmetrien in der Kieferregion feststellen. Des Weiteren kann der Tierarzt Wunden in Wange oder Zunge durch Zahnspitzen sehen, ebenso lockere oder verfärbte Zähne. Ist Kalziummangel die Ursache, sind die Zähne spröde, gräulich-bräunlich und haben Querrillen.

Behandlung
Wie oben bereits erwähnt, sollte ein Maulspreizer am wachen Tier nicht zum Einsatz kommen. Daher sollte der Halter darauf achten, dass der Tierarzt erstmal mittels eines Otoskops, die Maulhöhle und alle Zähne genau inspiziert und auf eine mögliche Lockerung und Asymmetrien des Zahnfleisches achten. Wenn damit keine genaue Beurteilung möglich ist, die Ursache aber bei den Zähnen vermutet wird, sollte das Kaninchen für eine genauere Untersuchung in Narkose gelegt werden. Um herauszufinden, ob die Zahnwurzel die Ursache sein könnten, muss ein Röntgenbild gemacht werden, idealerweise eine um 35° verkippte Aufnahme, so ist jeder Zahn einzeln beurteilbar und wird nicht von der gegenüberliegenden Seite überlagert. Für eine solche Aufnahme ist auch keine Narkose notwendig. Mittels Röntgenbild können auch eine Veränderung des Kiefergelenks, Zahnspitzen und verformte Kauflächen festgestellt werden. Wichtig ist es, die Ursache zu finden und ob sie mit einer einmaligen Zahnkorrektur behoben werden kann, wie es bei fütterungsbedingten Fehlstellungen der Fall ist, wenn die Schneidezähne abgebrochen sind oder durch eine ganz andere Krankheit länger nur mäkelig gefressen wurde, oder ob die Ursache genetisch oder Alters bedingt ist, sodass das Kaninchen für den Rest seines Lebens alle 3-6 Wochen eine Zahnkorrektur unter Narkose braucht. Eine Zahnkorrektur sollte mit einem Schleifgerät / Trennscheibe oder Raspel vorgenommen werden, keinesfalls dürfen die Zähne geknipst werden, da so Mikrorisse entstehen, über die Bakterien in die Tiefe eindringen können. Ist eine Entzündung, oder gar ein Abszess mit im Spiel sollte Schmerzmittel und Antibiotikum gegeben werden. Bei Entzündungen direkt in der Maulhöhle kann man auch auf ein desinfizierendes Maulspray wie Frubilurgyl oder Hexoral zurückgreifen. Falls nötig muss das Kaninchen die nächste Zeit gepäppelt werden, bis die Entzündung etwas abgeklungen ist. Auch nach großen Zahnsanierungen kann es sein, dass 2 Tage nach der OP noch nicht so recht gefressen werden will. Müssen die Schneidezähne gezogen werden, können die Kaninchen nicht mehr abbeißen, in diesem Fall muss das Kaninchen lebenslang Brei oder wenigstens geraspeltes Futter bekommen. Liegt das Problem in der Fütterung bzw. einem Kalziummangel gilt es diese zu optimieren, sprich Trockenfutter, Pellets, Brot, Knabberstangen und Co. langsam abzugewöhnen und ausgewogen Wiesenkräuter, Gemüse und Heu zu füttern.

Unbehandelte Zähne können auch Schaden am Kieferknochen, Auge und Abszesse verursachen, daher gilt wie immer, lieber zu früh als zu spät handeln!

Schutz
Das A und O liegt hier bei der raufaserreichen Fütterung, die oben bereits beschrieben wurde, um häufigen Zahn-Zahn-Kontakt zu gewährleisten. Außerdem hat es sich bewährt, wenn sich der Tierarzt beim jährlichen Impftermin während der Allgemeinuntersuchung die Zähne gut anschaut (ein guter Tierarzt macht das ohnehin). Bei genetisch bedingten Fehlstellungen oder Traumata hilft alles nichts, man muss die Zähne regelmäßig vom Tierarzt kürzen lassen. Lediglich die Abstände zwischen den Zahnbehandlungen kann man durch eine gute Ernährung meist etwas verlängern.



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